Auf dem Weg in die bargeldlose Gesellschaft - wie die Verdrängung von Bargeld uns alle betrifft
Von vielen Verbraucher*innen wird das bargeldlose Zahlen als bequem empfunden – warum mit Bargeld zahlen, wenn man nur das Handy zücken muss? Dass dabei viel mehr auf dem Spiel steht als selbst zum gläsernen Kunden zu werden, wird dabei oft übersehen.

Die Digitalisierung unseres Alltags ist zunehmend auch im Zahlungsverkehr spürbar. Bargeld ist zwar aktuell in Deutschland weiterhin das am häufigsten genutzte Zahlungsmittel, aber die Nutzung ist rückläufig. Dieser Trend wurde durch die Corona-Pandemie verstärkt, da unter anderem völlig unfundierte Warnungen vor der „Virenschleuder Bargeld“ die Nutzung kontaktloser Zahlungsmöglichkeiten vorangetrieben haben.
Die langsame Verdrängung von Münzen und Scheinen
Während ein Teil der Verbraucher*innen ganz bewusst für nicht-bare Zahlungsoptionen entscheiden, werden viele andere durch einen strukturellen Wandel im Zahlungsverkehr mehr oder weniger unfreiwillig von der Bargeldnutzung abgebracht. Wenn Bargeld sukzessive immer weniger genutzt und akzeptiert wird, setzt sich eine Spirale in Gang, an deren Ende die bargeldlose Gesellschaft steht.
Damit bezeichnet man ein Wirtschaftssystem, in der physisches Bargeld als Zahlungsmittel weitestgehend abgeschafft ist und elektronische Zahlungsformen dominieren. Länder wie Großbritannien und Schweden bewegen sich bereits mit großen Schritten auf eine „cashless society“ zu – eine Entwicklung, die auch in den Ländern selber zunehmend mit Sorge gesehen wird.
Warum Schweden versucht, das Bargeld zu retten
Während der Bargeldumlauf im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone durchschnittlich bei elf Prozent liegt, sind es in Schweden nur 1,2 Prozent. Nur noch neun Prozent der Einkäufe im Einzelhandel werden dort mit Münzen und Scheinen bezahlt. Vor allem für kleinere Geschäfte ist das Aufrechterhalten der Bargeldinfrastruktur teuer und damit nicht lohnend. Verbraucher*innen zahlen mittlerweile hauptsächlich mit Karte oder nutzen Smartphone-Apps. Gut für diejenigen, die sich freiwillig so entscheiden, schlecht für diejenigen, die dabei ungewollt auf der Strecke bleiben. Wirtschaftlich schwache und ältere Bürger*innen, aber auch Menschen mit Behinderungen und Geflüchtete werden so schnell aus dem Zahlungsverkehr ausgeschlossen, wie auch Verbraucherschutzorganisationen in Schweden bemängeln. Stromausfälle und Cyberattacken machen eine Gesellschaft, deren Zahlungssystem nur noch digital funktioniert zudem extrem verwundbar.
Das hat mittlerweile auch die Politik auf den Plan gerufen. Im Januar 2021 trat ein neues Gesetz in Kraft, das Großbanken verpflichtet, weiterhin Bargeldservices anzubieten, weitere politische Maßnahmen werden geprüft.
Was Deutschland daraus lernen kann
Die Deutschen zahlen gerne bar – Münzen und Scheine sind immer noch das beliebteste Zahlungsmittel. Die Mehrheit der Bevölkerung schätzt die Anonymität, die Sicherheit und die Kontrolle, die Bargeld bietet. Von einer zunehmend bargeldlosen Welt profitieren besonders Kreditkartenanbieter und die Anbieter mobiler Bezahlmöglichkeiten sowie die Banken, die weniger Ressourcen in das kostenintensive Bargeldgeschäft investieren möchten. Für Verbraucher*innen bringt der Wandel hin zum digitalen Zahlungsverkehr allerdings nicht nur Vorteile mit sich.
Der Zugang zu Bargeld und die Möglichkeit, dieses zu nutzen, wird zunehmend eingeschränkt. Experten gehen davon aus, dass Deutschland sich in 10 – 15 Jahren am selben Punkt wie Schweden heute befinden wird. Im Moment kann das Ruder aber noch herumgerissen werden; der Rahmen für den Zahlungsverkehr muss neu gedacht und die Politik muss handeln. Faire Marktbedingungen für die Bereitstellung von Bargelddienstleistungen müssen genauso gewährleistet sein, wie das Engagement der Banken in diesem Bereich.