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Bargeldwelt | 16.08.2023

Bargeld muss bleiben! Ohne ordnungspolitische Eingriffe wird es in Deutschland sukzessive verschwinden

Meinung von Dr. Kersten Trojanus, Gründer und Geschäftsführer der IC Cash Services GmbH

IC Cash Services

Überblick:

  • Bargeld ist nach wie vor ein beliebtes Zahlungsmittel und Politik wie Verbraucherschützer betonen, dass die flächendeckende Erhaltung von Bargeld wichtig und gesellschaftspolitisch notwendig ist.

  • Aber die Bargeldinfrastruktur und damit auch die Geldautomaten stehen zunehmend unter Druck. Banken ziehen sich aus der Fläche zurück und bauen Geldautomaten sukzessive ab. Die Lücke kann von unabhängigen Anbietern wie IC Cash geschlossen werden.

  • Stark steigende Kosten für den Betrieb der Geldautomaten, allen voran die steigenden Zinkosten für das Geld in Geldautomaten, stehen immer geringen Einnahmen vor allen für Karten von Mastercard und Visa gegenüber. Diese internationalen Konzerne bestimmen aufgrund ihrer Marktmacht die Konditionen einseitig, was dazu führt, dass der Betrieb von Geldautomaten zunehmend zum Negativgeschäft wird. Kurzfristig geht dies zu Lasten der Kosten für Auszahlungen mit Girocard-Karten, mittelfristig werden dadurch von allen Anbietern Geldautomaten abgebaut, Bargeld wird immer schwerer verfügbar werden.

  • Bargeld braucht mehr Lobby: die Politik erkennt, dass Bargeld ein schützenswertes Gut ist und sucht nach intelligenten Wegen, die Verfüg- und Nutzbarkeit auch in Zukunft sicherzustellen. Denn: nur wenn die Bargeldinfrastruktur und -nutzung aktiv geschützt werden, werden Münzen und Scheine weiterhin flächendeckend verfügbar und nutzbar bleiben.

 

Die gute Nachricht zuerst: Nach Corona hat sich die Nutzung von Bargeld knapp unter dem Niveau von 2019 wieder eingependelt und der politische Druck auf die Abschaffung von Bargeld als Mittel für Geldwäsche lässt angesichts des enormen kriminellen Potentials von Kryptowährungen etwas nach. Insgesamt bemühen sich Bundesbank, Politik und Verbraucherschützer zu betonen, dass die flächendeckende Erhaltung von Bargeld in seinen unterschiedlichen Funktionen (anonymes Zahlungsmittel, Wertaufbewahrung, Teilhabe am Wirtschaftsleben, etc.) wichtig und gesellschaftspolitisch notwendig sowie erwünscht ist.

Das Engagement kommt zur richtigen Zeit: denn Bargeld gerät immer weiter unter Druck.

Betrieb von Geldautomatennetzen ist aufwendig und teuer

Die Kostenseite wird mittlerweile geprägt durch immer weiter steigende regulatorische und technische Anforderungen an die geldautomatenbetreibenden Institute, verbunden mit massiv steigenden Kosten in der Bargeldlogistik v.a. infolge zunehmender Energie- und Lohnkosten sowie fast einer Verfünffachung der Zinskosten. Zuletzt machten die zahlreichen Angriffe auf Geldautomaten Schlagzeilen. Hier konnten die unabhängigen Drittanbieter zeigen, dass sie durch vorbeugende Maßnahmen seit Jahren eine gute Schadensbilanz vorweisen. Sie haben dafür aber deutlich höhere Aufwendungen als die meisten Geschäftsbanken, Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen in Kauf genommen und werden diese weiterhin in Kauf nehmen müssen. Diese Kostensteigerungen können insbesondere bei Drittanbietern wie IC Cash über die Servicegebühren bei Geldentnahmen nicht mehr ausgeglichen werden.

 

Den Banken wurde erst mit Beginn der Zinsflaute, den sinkenden Einnahmen und den sich beschleunigenden Filialschließungen so richtig klar, wieviel Geldautomaten tatsächlich kosten. Das hoch emotionale Thema Filialschließung und Abbau der Automaten hat indes zu zahlreichen SB-Zonen geführt, die die Banken aber erwägen, aufgrund der hohen Unterhaltskosten zu schließen: „Der Betrieb von Geldautomaten gehört nicht mehr zu unserem Kerngeschäft“ lautet die Botschaft.

 

Einnahmen werden durch das kartellrechtswidrige Verhalten von Visa und Mastercard vereinheitlicht und drastisch beschnitten

 

Auf der Ertragsseite führt der steigende Anteil von Kartenprodukten von Visa und Mastercard zu immer geringen Einnahmen je Transaktion. Die Kartenorganisationen greifen die Ausgabe von Debitkarten der deutschen Kreditwirtschaft („girocard“) seit Jahren massiv an. Visa hat der girocard durch die Ausgabe von eigenen Debitkarten („V Pay“) über die Direktbanken bereits nachhaltig Marktanteile abgenommen. Mastercard folgt mit der Ausgabe von eigenen Debitkarten. Beiden Unternehmen geben einseitig die Servicegebühr für Transaktionen mit ihren Karten vor. Anstatt den freien Wettbewerb über die Gebühren entscheiden zu lassen und Anreize für das Aufstellen weiterer Automaten zu setzen, zwingen die Kartenorganisationen die Geldautomatenbetreiber, eine von ihnen einseitig und einheitlich bestimmte, im Regelfall nicht kostendeckende Interchange zu erheben. Bereits die kürzlich erlassenen Urteile zu den einheitlichen Interchanges bei Händlergebühren auf Kreditkarten zeigt, dass einheitliche Interchanges kartellrechtswidrig sind. So ist es auch hier.

 

Durch den aktuell stattfindenden Tausch ganzer Kartenportfolios von Kredit- in Debitkarten sowohl bei Visa als auch bei Mastercard sowie durch die Einstellung von „Maestro“ als sogenanntem Co-Badge auf girocards zur Jahresmitte 2023, die dazu führt, dass die girocard nicht mehr im Ausland eingesetzt werden kann, gerät die girocard immer weiter unter Druck. Erste Banken haben die girocard aufgegeben. Andere ergänzen deren Ausgabe mit Mastercard Debit als Co-Badge. 

 

Für Geldautomatenbetreiber reduziert sich durch die Verringerung der Ausgabe von girocards die Möglichkeit, kostendeckende Entgelte für den Betrieb ihrer Geldautomatennetze zu erzielen, drastisch. Zudem führt der massive Anstieg von Kartenprodukten von Mastercard und Visa dazu, dass die einzig frei bepreisbare Debitkarte, die girocard, ihrerseits für Karteninhaber teurer und damit unattraktiver wird.

 

Anzumerken ist, dass Visa und Mastercard Inflationsgewinner sind: während sie von den aktuellen Preissteigerungen im Handel unmittelbar profitieren, bleiben die Interchanges für die Geldautomatenbetreiber unverändert niedrig, inflationsbereinigt fallen sie noch geringer aus.

 

Festzuhalten bleibt: die Verdrängung der girocard zusammen mit dem privatrechtlichen Verbot der freien Preisfestsetzung bei Kredit- und Debitkarten der Kartenorganisationen führen letztlich zum Abbau der Geldautomaten, die nicht mehr genug ertragreiche Transaktionen abwickeln können, um kostendeckend betrieben werden zu können.

 

Lobby für das Bargeld: warum Banken, Kartellbehörden, Zentralbanken und die Politik gemeinsam handeln müssen

 

Tatsächlich betrifft die Geschäftspolitik von Visa und Mastercard auch Geschäftsbanken, Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen, die sich mal mehr mal weniger stark dagegen wehren. Denn in der Regel begegnen die Kartenorganisationen dem Ansinnen der Banken, höhere Gebühren für die Auszahlungen zu bekommen, mit attraktiven Angeboten für ihrer Kartenportfolios als Ausgleich. Das ist kurzfristig allemal günstiger für die Bank als eine langwierige und kostenintensive Schadensersatzklage im UK oder den USA zu führen, wo die Kartenorganisationen ihren Sitz haben.

 

Die Kartellbehörden verweisen aber auf genau diesen Klageweg, der langwierig und kostspielig ist. Auch dies haben die Entscheidungen in den Schadensersatzfällen zu den Händlerentgelten gezeigt. So ist zwar die Kartellrechtswidrigkeit von einheitlichen Interchanges festgestellt worden, der zugesprochene Schaden vermag aber kaum die Kosten für die aufwendigen Klagen zu decken.

 

Die Bundesbank rückt die Resilienz der Geldautomateninfrastruktur richtigerweise in den Fokus, konkrete Ansätze, wie genau Bargeld geschützt werden soll, dessen Weg in die Bevölkerung zu 99% über den Geldautomaten erfolgt, müssen folgen. IC Cash steht bezüglich der Thematik der Kosten- und Einnahmesituation der durch Drittanbieter bereitgestellten Geldautomateninfrastruktur bereits mit der Bundesbank in Austausch.

 

In Gesprächen insbesondere mit Politiker*innen hörten wir in der Vergangenheit oft: „Bei einer freien Bepreisung werden Abhebungen teuer“. Langsam setzt sich aber auch auf politische Seite das Verständnis dafür durch, dass bei nicht kostendeckenden Gebühren die Geldautomaten abgebaut werden und schlicht kein Bargeld mehr zur Verfügung gestellt würde. Exzessiven Gebühren könnte zudem das Bundeskartellamt mit einer effektiven Missbrauchsaufsicht begegnen. Außerdem bleiben ja das Gros der Auszahlungen für bankeigenen Kunden kostenfrei. 

 

Im Heimatmarkt von Visa und Mastercard, sowie in vielen anderen Ländern weltweit können Banken alle Karten aller Kunden (i.d.R. auch der bankeigenen Kunden) bepreisen. Üblicherweise wird ein durchschnittliches Entgelt von 3,00 bis 3,50 USD je Auszahlung erhoben – oft auch für Auszahlungen an Karteninhaber der eigenen Bank. Die Höhe des Entgeltes wird in diesen Ländern durch den Wettbewerb und nicht durch die Kartenanbieter bestimmt.

 

Ordnungspolitisches Eingreifen ist dringend nötig

 

Soll die Geldautomateninfrastruktur erhalten werden, ist die marktgerechte und damit kostendeckende Bepreisung der Geldausgabe unabdingbar. Kartellbehörden, Zentralbanken und die Politik müssen wirksame Maßnahmen ergreifen, um den marktübermächtigen Anbietern von bargeldlosen Zahlungsverfahren Einhalt zu gebieten. Neutralität des Zahlungsverkehrs muss zum politischen Leitmotiv werden. Entsprechende Initiativen wurden seitens IC Cash in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten immer wieder vorgeschlagen und mit politischen Entscheider*innen diskutiert.

 

 

Wir möchten abschließend noch auf zwei Dinge hinweisen:

  • Der oft benutze Verweis auf die vermeidlich billigere Kartenzahlung ist irreführend. Keine bargeldlose Zahlung ist umsonst. Kosten für die Nutzung der Terminal-Infrastruktur durch Kunden und Händler werden in die Produkte selbstverständlich eingepreist oder z.T. direkt an den Endkunden weitergegeben.

  • Auch lohnt sich noch der Blick auf die Infrastruktur von Elektro-Ladesäulen: Niemand würde auf die Idee kommen, dass die Bereitstellung von Elektro-Ladesäulen umsonst für die Nutzer von Elektroautos sein sollte. Ohne frei im Wettbewerb gebildete Entgelte würde es keine Investoren für bestehende oder neue Elektro-Ladesäulen geben. Warum soll das für die Geldautomateninfrastruktur anders sein?

 

 

Haben Sie eine Meinung zum Thema? Feedback gerne unter: bargeldmussbleiben@iccash.de

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Bei Fragen oder Anmerkungen zum Artikel freuen wir uns über eine Nachricht an:
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